Ueber die Slawen im Thale Resia

JOSEF DOBROVSKÝ

 In einem Schreiben von 14. April 1801 verzeichnete mein lieber Slawin (A. P–y) einige Windische Wörter, die er im Thale Resia, am Flusse gleiches Namens, zu Ruštis, einem Dorfe dieses Thales, gesammelt hat. Das Thal liegt im Venetianischen Gebiete, 15 italienische Meilen von Udine, und wird von 7000 Menschen, die vom

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Ackerbau und Viehzucht leben, bewohnet. Die Slawisch-Redenden gehören zu dem Windischen Stamme, der sich in Krain und Kärnten seit dem sechsten Jahrhundert ausgebreitet hat. Die Unslawischen aus andern Sprachen aufgenommenen Wörter will ich mit einem (+) kennbar machen. Hier also eine kleine Probe (*)) .

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  • Preslica, Böhm. Přeſlice, ‚der Spinnstock‘.
  • len, ‚der Flachs‘. Mein Freund schrieb zwar leng, allein der Sprechende scheint nur das n durch die Nase ausgesprochen zu haben.
  • kotel, ‚der Kessel‘. Bei P. Marcus kótl.
  • +ketena, ‚die Kette‘, ‚catena‘.


  • [S. 122]

  • +mir, ‚die Mauer‘. Bei Gutsmann auch sid, Böhm. zeď.
  • stolica, ‚der Stuhl‘. Bei Gutsmann stol, ‚Stuhl‘, stoliz, ‚ein Stühlchen‘.
  • +miza, ‚die Bank‘. Bei Gutsmann ist misa ‚der Tisch‘; klop aber ‚die Bank‘.
  • červije, ‚die Schuhe‘. Bei Gutsm. zhreule; bei P. Marcus zhęvl, ‚der Schuh‘.
  • +skofone, ‚die Strümpfe‘.
  • +ďuppa, ‚ein Weiberrock‘, in Gestalt einer schwarzen Mönchskutte. Bei Gutsmann jopa.
  • pas, ‚der Gürtel‘
  • britwa, ‚ein Tragmesser‘, Böhm. zawirák; bei P. Marcus brytva, ‚das Scheermesser‘, ‚nouacula‘.
  • masanko, ‚ein Hackmesser‘. Ist weder bei Gutsm. noch bei P. Marcus zu finden.
  • srakeze, ‚das Hemd‘. Bei P. Marcus srajza, srajzheza, bei Gutsmann ſraizhiza.
  • +botone, ‚die Knöpfe‘
  • +bereta, ‚die Haube‘.
  • +fačolet, ‚das Halstuch‘, ‚das Schnupftuch‘.
  • +korba, ‚ein geflochtener Tragkorb‘.
  • lapata, ‚die Schaufel‘. Bei P. M. und G. lopata.
  • wile, ‚die Gabel‘.
  • žlica, ‚der Löffel‘.


  • [S. 123]

  • Lonec, ‚der Topf‘. Bei P. Marcus lónz, bei G. lonz.
  • skeda, ‚eine hölzerne Schüssel‘. Sonst im Windischen skleda, ‚die Schüssel‘ überhaupt.
  • jesť, ‚das Essen, die Speise‘. Im Windischen ist jed ‚die Speise‘, und jesti, ‚essen‘, ‚edere‘.
  • masť, ‚die Butter‘. Im Wind. mast, ‚Schmeer, Fett‘. ‚Die Butter‘ aber maslu.
  • ulakno, ‚Leinwand‘. Im Wind. pert, platnu. Mein Freund schreibt die Neutra, die bei den Winden in u ausgehen, überall mit o, weil er ein Böhme ist.
  • wreteno, Böhm. wřeteno, ‚der Spinnwirbel‘. Im Windischen vretenu.
  • nite, ‚der Zwirn‘.
  • motowilo, Böhm. motowidlo, aus mot und wilo zusammengesetzt, ‚die Haspel, die Weife‘. Sonst im Windischen motavilu.
  • preje, ‚die Schnallen‘. Ist weder bei P. Marcus, noch bei Gutsmann zu finden.
  • klabuk, ‚der Hut‘. Sonst im Windischen klobuk,
  • +soldi, ‚das Geld‘.
  • +saukline, ‚die Holzschuhe‘. Sonst im Windischen zokla, ‚der Zockel, Holzschuh‘,
  • chiša, ‚das Haus, die Wohnung‘.


  • [S. 124]

  • Duoro ‚die Thür‘, Böhm. dweře. Im Windischen duri, dure.
  • kjuč, ‚der Schlüssel‘. Im Wind. kluzh.
  • kjučanina, ‚das Schloß‘. Im Windischen kluzhanina.
  • srp, ‚die Sichel‘. Gutsmann schreibt ſerp, P. Marcus sèrp.
  • koze, ‚die Ziege‘, Böhm. koza. Allein koze ist entweder der Genitiv, oder der Plural.
  • uibce, ‚das Schaf‘; im Windischen ovza, biza.
  • krawa, ‚die Kuh‘.
  • mlika, ‚die Milch‘; im Windischen mlieku, mlęku. Also ist mlika der Genitiv.
  • uol, ‚der Ochse‘; im Wind. vol, vou.
  • tareň, ‚Weide, Wiese‘; im Wind. traunik, und traunina ‚die Wiesenmath‘.
  • niwa, ‚das Feld, Acker‘.
  • gost, ‚der Wald‘. Im Wind. gosd, bei P. Marcus gójſd. Das veraltete Böhm. hwozd.
  • Bruske? Böhm. borowice, sosna, ‚die Kiefer‘. Das Wort bruska, pl. bruske

    [S. 125]

    wird in beiden Windischen Wörterbüchern vermißt. Bei Gutsmann ist ‚die Farche (Föhre)‘ borovez, und borje, burje, ‚der Färchenwald‘. P. Marcus hat bei bôr, ‚Ahornbaum‘, ‚acer‘, aber neben ‚acer‘ doch auch ‚pinus‘.
  • Briza, ‚die Birke‘; bresa bei Gutsmann, bręſa bei P. Marcus. Mein Freund nahm das hohe ę für ein i. Altböhmisch březa, jetzt břjza.
  • Worech, ‚der Nußbaum‘. In beiden Windischen Wörterbüchern steht oreh ohne w.
  • Sliwa, ‚der Zwetschkenbaum‘.
  • Jablen, ‚der Apfelbaum‘. Im Windischen jablan und jablana.
  • Hruška, ‚der Birnbaum‘; P. Marcus schreibt hrushka, Gutsmann gruſhka und hruſhka.
  • škorč, ‚die Rinde‘, Italien. scorza. Im Windisch. nach Gutsmann ſkorja, ſkoriza, nach P. Marcus skorija. Skorſh aber ist im Wind. ‚der Tannenzapfen‘.
  • +avenyka, ‚die Weintraube‘, ‚uva‘,
  • Molika?, ‚Wacholder‘, ‚juniperus‘, Im Wind. ist brine, brinje, ‚der Wacholder‘; brinovka, ‚der Krametsvogel‘, brinovez (brinovz), ‚der Krametsbrandwein‘.


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  • Lawa, ‚der Kopf‘. Im Windischen glava. Mein Freund scheint hier das g verhört zu haben.
  • wlas, ‚das Haar‘. Die Winden sprechen sonst nur laſs, las, ohne w, das aber ein wesentlicher Grundlaut ist; man kann damit das Teutsche Wort Flachs vergleichen.
  • woka, ‚das Auge‘, ist der Genitiv von oku, wie es die Winden aussprechen. In allen andern Dialekten oko.
  • nos, ‚die Nase‘.
  • zoba, ‚der Zahn‘, ist der Genitiv von zob. Auch die Winden in Kärnten und Krain verwechseln hier, wie in vielen andern Wörtern das o mit u, und umgekehrt das u mit o, und sprechen zob anstatt des richtigern zub.
  • šija, ‚der Hals‘. Im Windischen ist ſhia ‚das Schulterblatt‘; vrat aber ‚der Hals‘. In andern Dialekten ist šija eben auch ‚der Hals‘.
  • grlo, Böhm. hrdlo, ‚die Gurgel‘. Die Winden schreiben gerlu.
  • tlace?, ‚Schultern‘. Im Windischen heißt ‚die Schulter‘ rama, plezhe. Tlace aber ist in den zwey Wörterbüchern nicht zu finden.
  • Roka, ‚die Hand‘; auch so im Windischen.


  • [S. 127]

  • Perste, ‚die Finger‘.
  • nuhet, ‚der Nagel‘. Im Wind. auch nohet.
  • koleno, ‚das Knie‘. Im Wind. kolenu.
  • peta, ‚die Ferse‘, Böhm. pata.
  • duša, ‚die Seele‘.
  • woda frišna, ‚kaltes (frisches) Wasser‘.
  • woda tepla, ‚warmes Wasser‘.
  • kamen, ‚der Stein‘.
  • wogeň, ‚das Feuer‘; bei Gutsmann ogenj; bei P. Marcus ogn, wie im Altslawonischen. Böhm. oheň und woheň; Russisch ogoň. Das Slawische ogň ist offenbar mit dem Samskrdamischen aghni, und dem Lat. ignis verwandt.

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 Ihr Vaterland nennen die Bewohner des Thales dum Resia. Dörfer des Thales sind: Auštis, Oseako, Niwa, Stolwica, Powiey, wo man friaulisch spricht. Flüsse und Bäche heißen: Resia, der Hauptfluß des Thales, černe potok, Risatik, Puto. Namen der Berge: Posgost, über dem äußersten Dorfe Stolwica; Kanina über St. Giorgio, Brumand, über Brumand. Gegenden: Plananica, Stolac, zlebac.



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 Den Abschied nahmen die Leute, mit denen sich mein Slawin unterhielt, mit den Worten: a wy stujte zdraw, d. i. ‚auch ihr bleibet gesund‘. Die Slawen in der ganzen Slawischen Welt wünschen einander Gesundheit, und was können sie sich besseres wünschen? Was hat einen größern Werth, als das Horazische mens sana in corpore sano?

 Wäre doch meinem Freunde auch die Frage von den Bewohnern des Thales Resia beantwortet worden: „wie nennt ihr euch, wenn ihr euch von Teutschen oder Italienern unterscheidet, wie heißt eure Sprache?“ Ich vermuthe es, daß sie sich wie die Windischen in Krain und Kärnten slovinci, und ihre Sprache slovinski jezik nennen. Ein zweiter Bote dahin mag künftig diese Vermuthung zur völligen Gewißheit bringen.

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FUSSNOTEN



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*). Zur Vergleichung dienten mir, und werden auch Andern dienen können, Oswald Gutsmann’s Deutsch-Windisches Wörterbuch mit einer Sammlung verdeutschter Windischer Stammwörter. Klagenfurt, 1789. 568 S. in 4.
R. P. Marci Augustiniani discalc. Tu malu besedishe treh jeſikov, d. i. das kleine Wörterbuch in dreien Sprachen (Krainerisch, Deutsch, Lateinisch). Laibach, ohne Jahrzahl, 42 und ein halber Bogen in 4. Vorrede 1 Bogen, die am 24. Aug. 1781 unterschrieben ist.
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Slavin
Prag: Herrlsche Buchhandlung, 1808
S. 120-128
http://purl.org/resianica/dobrovsky/1808